Schatten der Überheblichkeit: Gottes Licht in der Dunkelheit
Diese Andacht erkundet Psalm 52, der die Gefahren von Hochmut und böser Zunge beleuchtet. Sie lädt dazu ein, sich auf Gottes Gerechtigkeit zu verlassen und Vertrauen in seine unerschütterliche Güte zu setzen, anstatt auf menschliche Bosheit.
Schatten der Überheblichkeit: Gottes Licht in der Dunkelheit
Text-to-Speech
TITEL: Schatten der Überheblichkeit: Gottes Licht in der Dunkelheit Bibelstelle: Psalm 52 (sowie ergänzende Stellen aus der Elberfelder Bibel)
Einleitung: Die Begegnung mit dem Abgrund
Stell dir vor, du stehst an einem Ort, an dem die Luft von Verrat geschwängert ist. Du spürst den kalten Hauch von Ungerechtigkeit im Nacken. Vielleicht hast du es selbst erlebt: Jemand hat über dich gelogen, jemand hat seine Macht missbraucht, um dir zu schaden, oder du hast zugesehen, wie das Böse scheinbar triumphierte, während die Unschuldigen litten. In solchen Momenten schreit alles in dir nach Gerechtigkeit. Dein Herz schwankt zwischen Verzweiflung und heiligem Zorn.
Genau in diese Spannung hinein spricht Psalm 52. Er ist kein ruhiges Abendlied, sondern ein prophetischer Weckruf. Er ist eine Auseinandersetzung mit der menschlichen Hybris (der Überheblichkeit) und eine gleichzeitige Verankerung in der ewigen Güte Gottes.
Um diesen Psalm wirklich zu verstehen, musst du den historischen Boden spüren, auf dem er gewachsen ist. Die Überschrift des Psalms führt uns in eines der dunkelsten Kapitel im Leben Davids: „Als Doeg, der Edomiter, kam und Saul berichtete und zu ihm sagte: David ist in das Haus Abimelechs gegangen.“ (Ps 52,2).
Die Geschichte dahinter (1. Samuel 21-22) ist grausam. David war auf der Flucht vor Saul. Der Priester Ahimelech half ihm in Nob, ohne zu wissen, dass Saul David verfolgte. Er gab ihm das Brot der Gegenwart und das Schwert Goliaths. Doeg, ein Knecht Sauls, beobachtete dies. Er verriet Ahimelech an Saul. Schlimmer noch: Als Sauls eigene Soldaten sich weigerten, die Priester des HERRN hinzurichten, war es Doeg, der eigenhändig 85 Priester abschlachtete und die ganze Stadt Nob mit dem Schwert schlug – Männer, Frauen, Kinder und Vieh.
In diesem Kontext schreibt David den 52. Psalm. Er schreibt ihn nicht nur gegen Doeg, sondern gegen das Prinzip, das Doeg verkörpert: die Überheblichkeit des Menschen, der sich selbst zum Gott macht und das Böse liebt.
In dieser Andacht werden wir gemeinsam diesen Psalm Vers für Vers durchschreiten. Wir werden die Anatomie des Bösen untersuchen, Gottes unbestechliches Urteil betrachten und schließlich entdecken, wie du selbst inmitten einer feindseligen Welt wie ein „grüner Olivenbaum“ im Haus Gottes gedeihen kannst.
Teil 1: Die Maske des Gewaltigen – Die Anatomie der Überheblichkeit (Verse 3-6)
„Was rühmst du dich der Bosheit, du Gewaltiger? Die Güte Gottes währt den ganzen Tag.“ (Vers 3)
Hier beginnt David mit einer rhetorischen Frage, die wie ein Donnerschlag wirkt. Er spricht den „Gewaltigen“ an. Im Hebräischen steht hier Gibbor – ein Held, ein mächtiger Mann. Doeg war ein solcher Mann, ein Anführer der Hirten Sauls, ein Mann mit Einfluss.
Doch David entlarvt die Lächerlichkeit dieser Macht. Er fragt: Was rühmst du dich der Bosheit? Ist es nicht paradox? Der Mensch ist so tief gefallen, dass er stolz auf das ist, was ihn eigentlich entstellt. Er rühmt sich seiner Fähigkeit zu zerstören, zu manipulieren und zu unterdrücken. Vielleicht kennst du solche Situationen in deinem Umfeld: Menschen, die stolz darauf sind, wie sie andere „ausgebremst“ oder durch Intrigen ihren Willen durchgesetzt haben.
Doch schau dir den Kontrast an, den David sofort setzt: „Die Güte Gottes währt den ganzen Tag.“ Das Wort für Güte ist hier Hesed – die treue, bundesgemäße Liebe Gottes. Während der „Gewaltige“ seine Macht nutzt, um Verderben zu säen, ist die Atmosphäre, in der wir eigentlich atmen, die unerschütterliche Güte Gottes. Das Böse mag laut sein, es mag momentan triumphieren, aber es ist zeitlich begrenzt. Gottes Hesed hingegen ist konstant. Sie ist das Fundament, auf dem die Welt steht, auch wenn die Wellen der Bosheit hochschlagen.
„Deine Zunge sinnt auf Verderben; wie ein geschorenes Schermesser ist sie, die Trug übt.“ (Vers 4)
David lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Werkzeug des Bösen: die Zunge. Es ist bemerkenswert, dass in einem Psalm, der auf einem Massenmord basiert, die Zunge als Hauptwaffe identifiziert wird. Warum? Weil der Mord in Nob mit einer Lüge und einem Verrat begann.
Die Metapher des „geschorenen Schermessers“ (oder eines scharfen Rasiermessers) ist treffend. Ein Rasiermesser ist dazu da, Haare zu entfernen, aber in den falschen Händen und bei falscher Anwendung schneidet es tief ins Fleisch, ohne dass man es im ersten Moment spürt. So ist die Verleumdung. Sie ist scharf, sie ist präzise, und sie hinterlässt tiefe Wunden.
Du musst verstehen: Worte sind nicht neutral. Sie sind Schöpfungswerkzeuge oder Zerstörungswerkzeuge. Wenn du lügst oder die Wahrheit verdrehst, um dir einen Vorteil zu verschaffen, trittst du in die Fußstapfen Doegs. David sagt: Die Zunge sinnt auf Verderben. Das Böse ist hier kein Versehen, kein Ausrutscher. Es ist geplant. Es ist eine bewusste Entscheidung, die Wahrheit zu opfern, um das eigene Ego zu füttern.
„Du liebst das Böse mehr als das Gute, die Lüge mehr als gerechtes Reden. Sela. Du liebst alle verschlingenden Worte, die Zunge des Betrugs.“ (Verse 5-6)
Hier erreicht die Analyse des Bösen ihre tiefste Ebene. Es geht nicht mehr nur um Taten, sondern um die Liebe des Herzens. „Du liebst das Böse mehr als das Gute.“ Das ist die totale Umkehrung der göttlichen Ordnung. Gott schuf den Menschen, damit er das Gute liebt und das Böse hasst. Die Überheblichkeit aber führt dazu, dass der Mensch sich in seine eigene Rebellion verliebt.
David nutzt das Wort „Sela“. Es ist eine musikalische oder liturgische Pause. In dieser Andacht lade ich dich ein: Halte jetzt inne. Sela. Denk über dein eigenes Leben nach. Wo ertappst du dich dabei, dass du eine „kleine“ Lüge der harten Wahrheit vorziehst? Wo genießt du es insgeheim, wenn über jemanden schlecht geredet wird, weil es dich im Vergleich besser dastehen lässt? Die „verschlingenden Worte“ sind Worte, die Existenzen vernichten. Sie sind wie ein Abgrund, der alles verschluckt.
Die Elberfelder Bibel übersetzt hier sehr präzise: „Zunge des Betrugs“. Betrug bedeutet im Kern, eine falsche Realität vorzugaukeln. Wer betrügt, versucht, Gott zu spielen, indem er die Wahrheit neu definiert. Doch Psalm 52 erinnert uns daran: Es gibt eine Wahrheit, die über unseren Worten steht.
Teil 2: Das göttliche Veto – Die Endlichkeit der Gottlosigkeit (Vers 7)
„Gott wird dich auch für immer zertrümmern; er wird dich fassen und aus dem Zelt wegreißen und dich entwurzeln aus dem Land der Lebendigen. Sela.“ (Vers 7)
Nachdem David die Bosheit diagnostiziert hat, verkündet er das Urteil. Und dieses Urteil ist absolut. Achte auf die vier Verben der Vernichtung:
- Zertrümmern (nāthaṣ): wie ein Gebäude, das bis auf die Grundmauern niedergerissen wird.
- Fassen (ḥāthāh): wie man glühende Kohlen wegfegt.
- Wegreißen (nāsaḥ): gewaltsam aus der Sicherheit des eigenen „Zeltes“ (der eigenen Komfortzone) entfernt werden.
- Entwurzeln (šēreš): die Lebensgrundlage entziehen.
Dies ist eine klare Absage an die Vorstellung, dass Bosheit auf Dauer Bestand haben könnte. Der Gewaltige mag sich sicher fühlen in seinem Reichtum und seiner Macht, doch Gott ist der Eigentümer des „Landes der Lebendigen“. Wer Gottes Ordnung durch Bosheit und Lüge mit Füßen tritt, verliert sein Aufenthaltsrecht in dieser Ordnung.
Wichtig ist hier die theologische Nuance: Gott ist nicht einfach „nett“. Er ist heilig. Seine Gerechtigkeit erfordert, dass das zerstörerische Wesen des Bösen gestoppt wird. Wenn Gott das Böse nicht richten würde, wäre er nicht gut. Denn die Güte Gottes (Hesed) schützt die Wehrlosen vor den „verschlingenden Worten“.
Hast du dich jemals gefragt, warum Gott nicht sofort eingreift? David schrieb diesen Psalm, während Doeg noch lebte und Saul noch auf dem Thron saß. Das Urteil ist eine prophetische Gewissheit, keine unmittelbare Chronik. Das bedeutet für dich: Auch wenn du heute unter Ungerechtigkeit leidest, darfst du wissen: Das Ende der Gottlosen ist bereits besiegelt. Gott lässt sich nicht spotten. Die Wurzeln der Überheblichkeit stecken in trockenem Boden, und der Tag der Entwurzelung kommt gewiss.
Teil 3: Die Reaktion der Gerechten – Furcht und Lachen (Verse 8-9)
„Und die Gerechten werden es sehen und sich fürchten, und über ihn werden sie lachen:“ (Vers 8)
Dies ist eine der am schwierigsten zu verstehenden Stellen des Psalms. Sollen Gerechte wirklich über das Unglück anderer lachen? Um dies theologisch einzuordnen, müssen wir genau hinschauen.
Zuerst steht da: „Sie werden es sehen und sich fürchten.“ Das ist keine panische Angst, sondern die Ehrfurcht vor Gott (Jirah). Wenn wir sehen, wie Gott richtet, werden wir daran erinnert, dass Gott heilig ist. Es nimmt uns die Leichtfertigkeit im Umgang mit der Sünde. Es ist ein heiliger Schauder: „Gott meint es ernst.“
Und dann das Lachen: „und über ihn werden sie lachen.“ Dies ist kein schadenfrohes Lachen eines gehässigen Herzens. Es ist das befreite Lachen derer, die erkannt haben, wie lächerlich die Anmaßung des Menschen im Vergleich zur Größe Gottes ist. Es ist das Lachen über die Entlarvung einer Illusion. Der „Gewaltige“ sah so groß, so unbesiegbar aus. Aber wenn Gott ihn wegpustet, erkennt man: Er war nur eine Seifenblase.
„Siehe da den Mann, der Gott nicht zu seiner Zuflucht machte, sondern auf die Größe seines Reichtums vertraute, auf seine Bosheit trotzte!“ (Vers 9)
Hier wird die Wurzel des Problems benannt. Warum wurde dieser Mensch böse? Warum wurde er zum Verräter?
- Er machte Gott nicht zu seiner Zuflucht.
- Er vertraute auf die Größe seines Reichtums.
- Er trotzte auf seine Bosheit (er fühlte sich stark in seiner destruktiven Kraft).
Dies ist eine Warnung an uns alle. Die Versuchung der Überheblichkeit beginnt dort, wo wir unsere Sicherheit in etwas anderem suchen als in Gott. Reichtum ist in der Bibel oft ein Synonym für Autonomie – das Gefühl, niemanden zu brauchen, nicht einmal den Schöpfer. Wenn du auf deinen Besitz, deine Intelligenz oder dein soziales Netzwerk vertraust, um dich abzusichern, baust du auf Sand. Doeg dachte, seine Loyalität zu Saul und sein Reichtum würden ihn schützen. Er irrte sich gewaltig.
Teil 4: Das Bild des Lebens – Der grüne Olivenbaum (Vers 10)
„Ich aber bin wie ein grüner Olivenbaum im Hause Gottes; ich vertraue auf die Güte Gottes immer und ewig.“ (Vers 10)
Nach der düsteren Beschreibung des Untergangs des Gottlosen wechselt David die Perspektive komplett. Dies ist das Herzstück der Andacht für dein Leben.
David vergleicht sich mit einem Olivenbaum. Warum nicht mit einer mächtigen Zeder oder einer stolzen Eiche? Der Olivenbaum hat im Nahen Osten eine ganz besondere Bedeutung:
- Beständigkeit: Olivenbäume können hunderte, ja tausende von Jahren alt werden. Sie wachsen langsam, aber stetig.
- Fruchtbarkeit: Er liefert Öl für Nahrung, Licht und Heilung.
- Widerstandsfähigkeit: Er übersteht Hitze und Dürre, weil seine Wurzeln tief gehen.
David sagt: „Ich bin wie ein grüner Olivenbaum im Hause Gottes.“ Der Kontrast zum Gottlosen könnte nicht größer sein. Der Gottlose wird „entwurzelt“ (Vers 7), der Gerechte ist tief verwurzelt im „Hause Gottes“. Das Haus Gottes ist nicht nur ein Gebäude; es ist die Gegenwart Gottes, der Ort der Gemeinschaft mit Ihm.
Was ist das Geheimnis dieses Wachstums? „Ich vertraue auf die Güte Gottes immer und ewig.“ Hier taucht das Wort Hesed wieder auf. Der Gerechte baut sein Leben nicht auf seine eigene Kraft, seine eigene Zunge oder seinen Reichtum. Er baut auf die Gnade und Treue Gottes.
Überleg dir das einmal: Ein Olivenbaum produziert Öl. In der Bibel ist Öl oft ein Symbol für den Heiligen Geist. Wenn du in Gottes Gegenwart bleibst und auf Seine Güte vertraust, wirst du zu einer Quelle des Segens für andere. Deine Existenz wird „grün“ sein – lebendig, frisch, hoffnungsvoll –, selbst wenn die Welt um dich herum verdorrt oder von Gewalt geprägt ist.
Vertrauen (batach) bedeutet im Hebräischen: sich ganz auf jemanden stützen, sich sicher fühlen. Es ist das Bild eines Kindes, das sich in die Arme der Eltern fallen lässt. Inmitten des Verrats von Doeg und der Raserei von Saul entschied sich David, sich in die Arme Gottes fallen zu lassen. Das ist der Weg zum Frieden.
Teil 5: Der Rhythmus der Dankbarkeit – Ausharren und Bekennen (Vers 11)
„Ich werde dich preisen ewiglich, denn du hast es getan; und ich werde auf deinen Namen harren, denn er ist gut vor deinen Frommen.“ (Vers 11)
Der Psalm endet mit einer doppelten Entschlossenheit: Lobpreis und Warten.
„Ich werde dich preisen ewiglich, denn du hast es getan.“ Was hat Gott getan? Zum Zeitpunkt, als David dies schrieb, war Doeg vielleicht noch mächtig. Aber im Glauben sieht David das Handeln Gottes bereits als vollendet an. Gott hat die Gerechtigkeit bereits in Kraft gesetzt. Dankbarkeit ist der Sieg über die Angst. Wenn du Gott dankst, bevor du die Lösung siehst, proklamierst du Seine Herrschaft über deine Umstände.
„Ich werde auf deinen Namen harren.“ Das Wort „harren“ (qavah) bedeutet hoffnungsvolles, aktives Warten. Es ist kein passives Herumsitzen. Es ist das Ausstrecken der Seele nach Gott. Warum auf Seinen Namen? Der Name Gottes repräsentiert Sein ganzes Wesen, Seinen Charakter. Sein Name ist „JHWH“ – der Ich-bin-der-ich-bin, der Gegenwärtige. Sein Name ist „JHWH-Jireh“ – der Herr wird ersehen.
David sagt: Dein Name ist gut vor deinen Frommen (den Hasidim, den Objekten Seiner Güte). Es gibt eine Gemeinschaft derer, die Gott vertrauen. Du bist nicht allein. In der Gemeinschaft der Gläubigen stärken wir uns gegenseitig darin, auf den Namen Gottes zu harren. Wir erinnern uns gegenseitig daran, dass das Böse nicht das letzte Wort hat.
Theologische Vertiefung: Die Macht der Zunge und die Gerechtigkeit Gottes
Wenn wir Psalm 52 in der Tiefe betrachten, stoßen wir auf fundamentale theologische Wahrheiten, die weit über die Geschichte von David und Doeg hinausgehen.
1. Die Sündhaftigkeit der Sprache
Die Bibel misst unseren Worten ein enormes Gewicht bei. In Sprüche 18,21 (EB) heißt es: „Tod und Leben sind in der Gewalt der Zunge“. Psalm 52 zeigt uns die dämonische Seite der Sprache. Wenn der Mensch sich von Gott abwendet, wird seine Kommunikation korrupt. Die Lüge ist nicht nur eine falsche Information; sie ist ein Angriff auf die Wirklichkeit Gottes. Jesus nennt den Teufel den „Vater der Lüge“ (Johannes 8,44). Wenn wir also Psalm 52 lesen, werden wir gemahnt, unsere Worte im Licht der Ewigkeit zu prüfen. Sind deine Worte „Schermesser“, die verletzen, oder sind sie „Öl“, das heilt?
2. Der Trugschluss der Autonomie
Doeg ist der Prototyp des modernen, säkularen Menschen, der denkt, er könne sein Leben ohne Gott meistern, indem er Macht und Reichtum anhäuft. Die Theologie des Psalms entlarvt dies als tragischen Irrtum. Wahre Sicherheit gibt es nur in der Abhängigkeit von Gott. Die „Zuflucht“ (Vers 9) ist das entscheidende Thema. Jeder Mensch hat eine Zuflucht. Die Frage ist nur: Ist sie stabil? Reichtum schmilzt dahin, Macht korrodiert, aber die Güte Gottes (Hesed) bleibt „immer und ewig“.
3. Das Paradox des Gerichts
Gottes Gericht ist ein Ausdruck Seiner Liebe. Das klingt für moderne Ohren seltsam. Aber bedenk Folgendes: Wenn Gott das Böse (den „Gewaltigen“, der Unschuldige mordet) gewähren ließe, wäre Er grausam gegenüber den Opfern. Sein „Zertrümmern“ des Bösen ist die notwendige Voraussetzung für die Wiederherstellung des Friedens (Shalom). Psalm 52 gibt uns die Hoffnung, dass kein Unrecht ungesehen bleibt. Gott ist der ultimative Richter, und Er wird das Land der Lebendigen reinigen.
Die christologische Dimension: Christus, der wahre Olivenbaum
Als christliche Leser dürfen wir Psalm 52 nicht ohne den Blick auf Jesus Christus lesen. In vielerlei Hinsicht ist David hier ein Typus (ein Vorbild) auf Christus, aber Christus übertrifft ihn.
Jesus stand vor den „Gewaltigen“ seiner Zeit – vor Kaiphas, Herodes und Pilatus. Er war konfrontiert mit der „Zunge des Betrugs“ und falschen Zeugen. Er war der absolut Gerechte, der wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt wurde.
Doch schau auf das Ende: Während Doeg die Priester Gottes tötete, ist Jesus unser Hoherpriester, der Sein eigenes Leben gab. Während der Gottlose „entwurzelt“ wird, wurde Jesus am Kreuz „aus dem Land der Lebendigen weggerissen“ (Jesaja 53,8 EB), aber nur, um durch Seine Auferstehung zur Quelle des ewigen Lebens für uns zu werden.
Jesus ist der wahre „grüne Olivenbaum“. In Gethsemane (was „Ölpresse“ bedeutet) rang Er mit der Finsternis der menschlichen Bosheit. Er ertrug die verschlingenden Worte, damit wir Worte der Gnade hören können. Wenn du heute in Christus bist, dann bist du in diesen Olivenbaum eingepfropft (Römer 11). Deine Stabilität und deine Fruchtbarkeit hängen nicht von deiner Kraft ab, sondern von dem Saft, der aus der Wurzel – aus Christus – in dich fließt.
Praktische Anwendung: Wie lebst du Psalm 52 heute?
Theologie ohne Praxis ist hohl. Wie kannst du die Wahrheiten dieses Psalms in deinen Alltag integrieren? Hier sind vier konkrete Schritte:
1. Identifiziere deine Zuflucht
Frage dich ganz ehrlich: Worauf vertraue ich, wenn es hart auf hart kommt? Ist es mein Bankkonto? Meine berufliche Position? Mein Ruf? Oder ist es der „Name Gottes“? Wenn du merkst, dass du deine Sicherheit in vergänglichen Dingen suchst, dann kehre um. Sage Gott bewusst: „Herr, du bist meine einzige Zuflucht. Ich verlasse mich heute nicht auf meinen Reichtum oder meine Klugheit, sondern auf deine Güte.“
2. Heilige deine Sprache
Worte können töten oder Leben spenden. Nimm dir vor, heute keine „verschlingenden Worte“ über andere zu verlieren. Wenn du Zeuge von Klatsch oder Verleumdung wirst, sei derjenige, der das Messer stoppt. Sei wie der Olivenbaum: Spende das Öl der Ermutigung und der Wahrheit. Erinnere dich an die Elberfelder Übersetzung von Vers 4: „Deine Zunge sinnt auf Verderben“. Prüfe deine Gedanken, bevor sie zu Worten werden.
3. Ertrage Ungerechtigkeit mit Hoffnung
Vielleicht leidest du gerade unter einem „Doeg“. Jemand behandelt dich unfair, lügt über dich oder nutzt seine Macht gegen dich aus. Psalm 52 gibt dir die Erlaubnis, Gott dein Klagen zu bringen, aber er ruft dich auch dazu auf, Gott das Gericht zu überlassen. Du musst dich nicht rächen. Du musst nicht dieselben schmutzigen Waffen benutzen wie dein Gegner. Deine Aufgabe ist es, „wie ein grüner Olivenbaum“ in Gottes Gegenwart zu bleiben. Gott wird dich halten. Er wird dich nicht entwurzeln lassen.
4. Kultiviere eine Haltung des Harrens und Dankens
Beginne und beende deinen Tag mit dem Bekenntnis aus Vers 11: „Ich werde dich preisen ewiglich, denn du hast es getan.“ Dankbarkeit ist eine mächtige geistliche Waffe. Sie vertreibt den Schatten der Überheblichkeit in deinem eigenen Herzen und richtet deinen Blick auf das Licht Gottes. Warte geduldig auf Sein Eingreifen. Sein Timing ist oft anders als unseres, aber Seine Güte ist garantiert.
Gebet und Meditation
Ich lade dich ein, diese Andacht mit einem persönlichen Gebet abzuschließen. Du kannst diese Worte als Vorlage nehmen oder in deinem eigenen Herzen vor Gott bringen:
„Herr, allmächtiger Gott, ich danke dir für dein Wort in Psalm 52. Ich bekenne dir, dass auch in meinem Herzen oft der Schatten der Überheblichkeit wohnt. Vergib mir, wo ich auf meine eigene Kraft vertraut habe und wo meine Zunge Worte der Zerstörung statt des Lebens gesprochen hat.
Ich danke dir, dass deine Güte, deine Hesed, den ganzen Tag währt. Du bist meine Zuflucht in einer Welt voller Unruhe und Betrug. Ich lege dir die Situationen hin, in denen ich mich ungerecht behandelt fühle. Ich überlasse dir das Gericht und entscheide mich, dir zu vertrauen.
Mache mich wie einen grünen Olivenbaum in deinem Haus. Lass mich fest verwurzelt sein in deiner Liebe. Schenke mir die Kraft, auf deinen Namen zu harren und dich zu preisen, noch bevor ich die Rettung sehe. Danke, dass du in Jesus Christus der Fels bist, der niemals wankt.
In seinem Namen, Amen.“
Abschließende Gedanken: Das Licht bricht durch
Der Titel dieser Andacht lautet: „Schatten der Überheblichkeit: Gottes Licht in der Dunkelheit“. Wir haben gesehen, wie lang und dunkel der Schatten sein kann, den menschliche Bosheit wirft. Doegs Taten waren grausam, seine Worte vernichtend. Doch der Psalm lässt uns nicht im Schatten stehen.
Das Licht Gottes bricht durch in der Gewissheit, dass das Böse ein Verfallsdatum hat. Es bricht durch in der Schönheit eines Olivenbaums, der trotz Sturm und Hitze Früchte trägt. Und es bricht am hellsten durch im Namen des Herrn, der „gut ist vor seinen Frommen“.
Geh heute in diesem Licht. Lass dich nicht einschüchtern von den „Gewaltigen“ dieser Welt. Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. Du aber bist geliebt, gehalten und berufen, ein Zeuge Seiner unendlichen Güte zu sein. Vertraue auf die Güte Gottes immer und ewig.
„Denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Wirken zu seinem Wohlgefallen.“ (Philipper 2,13 EB)
Sei gesegnet in deinem Harren und in deinem Lobpreis. Der Herr ist treu!
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