Streite, Herr, mit meinen Widersachern: Eine Andacht zu Psalm 35
Diese Andacht befasst sich mit Psalm 35, Davids eindringlicher Bitte an Gott um Schutz und Gerechtigkeit gegenüber seinen Feinden. Sie lädt dazu ein, in Zeiten der Bedrängnis auf Gottes Eingreifen zu vertrauen und ihn als den gerechten Richter und Verteidiger der Hilflosen anzuerkennen.
Streite, Herr, mit meinen Widersachern: Eine Andacht zu Psalm 35
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Streite, Herr, mit meinen Widersachern: Eine Andacht zu Psalm 35
Einleitung: Wenn die Welt zum Schlachtfeld wird
Du kennst diese Tage. Tage, an denen du dich umdrehst und feststellst, dass die Menschen, denen du vertraut hast, nicht mehr an deiner Seite stehen. Tage, an denen Worte wie Pfeile fliegen und Ungerechtigkeit wie ein bleierner Mantel auf deinen Schultern lastet. Du versuchst, nach den Regeln der Liebe und des Friedens zu leben, doch die Welt um dich herum scheint eine andere Sprache zu sprechen – die Sprache der Intrige, des Spotts und der grundlosen Feindseligkeit.
In solchen Momenten wirkt ein oberflächliches „Alles wird gut“ wie Hohn. Du brauchst keine billigen Vertröstungen. Du brauchst jemanden, der für dich eintritt. Du brauchst einen Anwalt, einen Verteidiger, ja, einen Krieger, der sich schützend vor dich stellt.
Genau hier begegnen wir David in Psalm 35. Dieser Psalm ist kein sanftes Abendlied. Er ist ein Schrei aus den Schützengräben des Lebens. Er ist roh, er ist leidenschaftlich und er ist theologisch von einer Tiefe, die uns herausfordert, unser Gottesbild zu weiten. David bittet Gott nicht nur um ein bisschen Trost; er fordert Gott auf, in den Ring zu steigen.
In dieser umfassenden Andacht werden wir diesen Psalm Vers für Vers durchschreiten. Wir werden entdecken, wie du mit deinem Schmerz, deinem Zorn und deiner Ohnmacht vor Gott treten kannst, ohne dich verstellen zu müssen. Wir werden lernen, was es bedeutet, den Kampf aus der Hand zu geben und den HERRN als unseren göttlichen Champion streiten zu lassen.
Teil 1: Der göttliche Krieger – Die Bitte um Eingreifen (Verse 1–10)
Der Ruf zu den Waffen
David beginnt seinen Psalm mit einer juristischen und militärischen Sprache, die uns heute vielleicht erschrecken mag:
„Streite, HERR, mit denen, die mit mir streiten; bekämpfe, die mich bekämpfen! Ergreife Schild und Tartsche, und mache dich auf zu meiner Hilfe! Und zücke den Speer und sperre den Weg ab gegen meine Verfolger; sprich zu meiner Seele: Deine Rettung bin ich!“ (Psalm 35,1–3; EB)
Hier siehst du David in einer ausweglosen Situation. Er ist nicht der Aggressor. Er wird bedrängt. Und was tut er? Er rächt sich nicht selbst. Das ist der erste entscheidende theologische Punkt: David delegiert den Kampf an Gott.
Das Wort „streiten“ (rib im Hebräischen) hat eine doppelte Bedeutung. Es steht für einen Rechtsstreit vor Gericht, aber auch für einen tatsächlichen Kampf. David bittet Gott: Sei mein Anwalt und sei mein General. Wenn du dich heute ungerecht behandelt fühlst – vielleicht am Arbeitsplatz, in der Familie oder in der Gemeinde –, dann darfst du dieses Gebet übernehmen. Du musst nicht selbst die Ellbogen ausfahren oder zurückschlagen. Du darfst sagen: „HERR, übernimm du diesen Fall.“
Gott wird hier als Krieger dargestellt, der „Schild und Tartsche“ ergreift. Die Tartsche war ein kleinerer Rundschild, der im Nahkampf verwendet wurde, während der große Schild den ganzen Körper schützte. Gott rüstet sich also für jede Distanz deines Kampfes. Er ist sowohl dein Fern- als auch dein Nahschutz.
Die Ohnmacht der Verfolger
David geht weiter und bittet um die Beschämung seiner Feinde:
„Es sollen beschämt und zu Schanden werden, die nach meinem Leben trachten; es sollen zurückweichen und schamrot werden, die mein Unglück planen. Sie sollen werden wie Spreu vor dem Wind, und der Engel des HERRN stoße sie weg! Ihr Weg sei finster und schlüpfrig, und der Engel des HERRN verfolge sie!“ (Psalm 35,4–6; EB)
Das klingt hart, nicht wahr? Wir sind oft so sehr auf die „Feindesliebe“ des Neuen Testaments gepolt, dass wir diese Fluchpsalmen (imprecatory psalms) am liebsten überblättern würden. Doch verstehe die theologische Wahrheit dahinter: David bittet hier nicht um private Rache aus Bosheit. Er bittet darum, dass Gottes Gerechtigkeit sichtbar wird. Er bittet darum, dass das Böse in sich selbst zusammenbricht.
Wenn David betet, dass sie wie „Spreu vor dem Wind“ sein sollen, erinnert er uns an Psalm 1. Das Böse hat keine Substanz, es hat kein Gewicht vor Gott. Es mag sich im Moment mächtig aufspielen, aber in der Ewigkeitsperspektive Gottes ist es flüchtig. Der „Engel des HERRN“ – oft eine Manifestation Gottes selbst im Alten Testament – übernimmt die Exekutive. Du darfst darauf vertrauen, dass Gott die Dynamik des Unrechts durchbricht.
Die Grube der Ungerechtigkeit
„Denn ohne Ursache haben sie mir ihre Netzgrube versteckt, ohne Ursache meiner Seele gegraben. Unheil komme über ihn, ohne dass er es wisse, und sein Netz, das er verborgen hat, fange ihn selbst; unter Unheil falle er darin!“ (Psalm 35,7–8; EB)
Hier begegnen wir einem zentralen Motiv: der Grundlosigkeit des Hasses. David betont das „ohne Ursache“. Das ist es, was uns oft am meisten schmerzt – wenn wir uns bemühen, aufrichtig zu sein, und dennoch angegriffen werden.
Die biblische Logik der Vergeltung ist hier interessant: David bittet Gott nicht darum, den Feinden etwas Neues, Schreckliches anzutun, sondern er bittet darum, dass die Feinde in die Grube fallen, die sie selbst gegraben haben. Das ist das Gesetz der Saat und der Ernte. Gott muss das Böse oft gar nicht aktiv „schlagen“; er muss nur zulassen, dass die Konsequenzen der Bosheit auf den Urheber zurückfallen. Das ist göttliche Pädagogik und Gerechtigkeit zugleich.
Die Antwort der Seele: Freude trotz Bedrängnis
Nach diesem heftigen Ringen um Gerechtigkeit folgt ein Moment des Aufatmens:
„Meine Seele aber wird frohlocken im HERRN, wird sich freuen in seiner Rettung. Alle meine Gebeine werden sagen: HERR, wer ist wie du? Der den Elenden rettet vor dem, der zu stark für ihn ist, und den Elenden und Armen vor seinem Räuber.“ (Psalm 35,9–10; EB)
Hast du das bemerkt? Der Kampf ist im Außen noch gar nicht gewonnen, aber in Davids Innerem hat sich etwas verschoben. Er blickt weg von den Speeren der Feinde hin zur Identität Gottes.
„Alle meine Gebeine werden sagen...“ – das ist ein Ausdruck für das ganze Sein. Nicht nur dein Verstand, nicht nur deine Lippen, sondern jede Faser deines Körpers, deines erschöpften, vielleicht zitternden Körpers, soll Gott preisen. Warum? Weil Er der Gott ist, der „den Elenden rettet vor dem, der zu stark für ihn ist“.
Dies ist eine Einladung an dich: Erkenne deine Ohnmacht an. Du bist vielleicht schwächer als dein Problem, schwächer als deine Gegner, schwächer als deine Depression oder deine finanzielle Not. Aber Gott ist stärker. Sein Charakter als Retter der Hilflosen ist dein Anker.
Teil 2: Wenn Liebe mit Hass beantwortet wird – Die Klage über den Verrat (Verse 11–18)
Falsche Zeugen und die Kälte des Herzens
David wird nun konkreter in seiner Schilderung des Leids. Es geht nicht mehr nur um Krieg, es geht um zwischenmenschliche Grausamkeit:
„Es stehen ungerechte Zeugen auf; was ich nicht weiß, fragen sie mich. Sie vergelten mir Gutes mit Bösem: Verwaistsein meiner Seele!“ (Psalm 35,11–12; EB)
Hier spürst du den Schmerz des Verrats. Kennst du das Gefühl, wenn dir Worte in den Mund gelegt werden, die du nie gesagt hast? Wenn Menschen dich über Dinge verhören, von denen du keine Ahnung hast, nur um dir eine Falle zu stellen? David beschreibt dies als „Verwaistsein seiner Seele“. Er fühlt sich einsam, verlassen, wie ein Kind, das seine Eltern verloren hat.
Theologisch weist uns das direkt auf Jesus Christus hin. In den Evangelien sehen wir, wie falsche Zeugen gegen Ihn aufstehen. Er, der nur Gutes tat, wurde mit dem ultimativen Bösen konfrontiert. Wenn du dich also heute unverstanden oder verleumdet fühlst, wisse: Dein Hoherpriester weiß genau, wie sich das anfühlt (Hebräer 4,15).
Die Radikalität der Nächstenliebe
Nun folgt eine Passage, die Davids Herz offenbart und ihn als Vorbild für uns kennzeichnet:
„Ich aber – als sie krank waren, war Sacktuch mein Gewand; ich kasteite meine Seele mit Fasten, und mein Gebet kehrte in meinen Busen zurück. Als wäre es ein Freund, als wäre es mein Bruder, so ging ich einher; wie einer, der um eine Mutter trauert, so beugte ich mich in Trauer.“ (Psalm 35,13–14; EB)
Das ist erschütternd. David hat für diese Menschen gebetet, als es ihnen schlecht ging. Er hat gefastet, er hat mitgelitten, als wären sie seine engsten Verwandten. Er hat Liebe investiert. Er hat sich verletzlich gemacht.
Hier liegt eine tiefe geistliche Lektion für dich: Deine Güte gegenüber anderen ist niemals umsonst, auch wenn sie nicht erwidert wird. David sagt: „Mein Gebet kehrte in meinen Busen zurück.“ Wenn die anderen dein Gebet und deine Liebe ablehnen, dann geht der Segen, den du ausgesprochen hast, nicht verloren. Gott lässt ihn zu dir zurückkehren. Er füllt deine leeren Hände wieder.
Lass dich durch den Undank der Welt nicht davon abhalten, ein Mensch des Gebets und des Mitgefühls zu sein. Dein Charakter wird nicht durch das Verhalten der anderen definiert, sondern durch deine Nachfolge vor Gott.
Der Spott der Undankbaren
Doch wie reagieren die Feinde auf Davids frühere Liebe?
„Aber bei meinem Hinken freuten sie sich und versammelten sich; es versammelten sich gegen mich Lästerer, und ich wusste es nicht; sie rissen mich nieder und schwiegen nicht. Unter den ruchlosen Schmarotzern um einen Bissen Brot knirschten sie gegen mich mit ihren Zähnen.“ (Psalm 35,15–16; EB)
Sobald David eine Schwäche zeigt („mein Hinken“), fallen sie über ihn her. Sie warten nur darauf, dass der Gerechte stolpert. Die „ruchlosen Schmarotzer“ (wörtlich: Kuchen-Spötter) sind Menschen, die für einen kleinen Vorteil oder bloße Unterhaltung bereit sind, den Ruf eines anderen zu vernichten.
Das ist die hässliche Fratze der Sünde. Sie ist parasitär. Sie nährt sich vom Leid anderer. Wenn du das erlebst, fühlst du dich vielleicht dreckig, entblößt und zutiefst verletzt. Doch schau, wie David damit umgeht. Er rennt nicht zu ihnen, um sich zu rechtfertigen. Er wendet sich wieder nach oben.
Die Frage nach dem „Wie lange?“
„Herr, wie lange willst du zusehen? Befreie meine Seele von ihren Zerstörungen, meine einzige von den jungen Löwen! Ich will dich preisen in der großen Versammlung, unter zahlreichem Volk dich rühmen.“ (Psalm 35,17–18; EB)
„Wie lange?“ – Dies ist die Ur-Frage des leidenden Glaubens. Es ist keine Frage des Unglaubens, sondern eine Frage der Sehnsucht. David hält Gottes scheinbare Passivität nicht mehr aus. Gott „sieht zu“, aber er greift (noch) nicht ein.
Vielleicht bist du heute genau an diesem Punkt. Du betest seit Wochen, Monaten oder Jahren um eine Veränderung, und es scheint, als würde Gott nur zuschauen, während die „jungen Löwen“ – die aggressiven Mächte in deinem Leben – dich bedrängen.
Davids Antwort ist ein Gelübde: „Ich will dich preisen in der großen Versammlung.“ Er greift dem Sieg vor. Er entscheidet sich heute, im finsteren Tal, dass er morgen, auf dem Berggipfel, Gott die Ehre geben wird. Das ist proaktiver Glaube. Er bindet seine zukünftige Dankbarkeit an Gottes jetzige Treue.
Teil 3: Das Flehen um Gerechtigkeit – Gottes Schweigen und Reden (Verse 19–26)
Die Bitte um göttliche Intervention
David kehrt zu seinem Kernanliegen zurück. Er kann den Triumph des Bösen nicht ertragen:
„Es sollen sich nicht über mich freuen, die mir ohne Grund feind sind; die mich ohne Ursache hassen, sollen nicht mit dem Auge winken! Denn sie reden nicht Frieden, und gegen die Stillen im Lande planen sie betrügerische Dinge. Und sie sperrten ihren Mund weit gegen mich auf; sie sprachen: Haha! Haha! Unser Auge hat es gesehen!“ (Psalm 35,19–21; EB)
Das „Winken mit dem Auge“ ist eine Geste der Schadenfreude und der geheimen Absprache. Die Feinde fühlen sich sicher. Sie denken, sie hätten David beim Versagen „erwischt“. Das höhnische „Haha!“ hallt durch die Jahrtausende. Es ist das Geräusch einer Welt, die Gott und Seine Gesalbten verspottet.
Besonders bemerkenswert ist die Bezeichnung „die Stillen im Lande“. Das bist vielleicht du. Jemand, der nicht laut schreit, der nicht manipuliert, der einfach nur versucht, treu seinen Weg mit Gott zu gehen. Gerade diese „Stillen“ sind oft das Ziel derer, die laut und aggressiv sind. Doch wisse: Gott hat ein besonderes Auge auf die Stillen.
Gott hat es gesehen
Gegen das „Unser Auge hat es gesehen“ der Feinde setzt David eine andere Wahrheit:
„Du hast es gesehen, HERR! Schweige nicht! Herr, sei nicht fern von mir! Erwache und wache auf für mein Recht, mein Gott und mein Herr, für meine Streitsache!“ (Psalm 35,22–23; EB)
Das ist der Wendepunkt. Die Feinde mögen behaupten, sie hätten Davids Sturz gesehen, aber David weiß: Gott hat die Wahrheit gesehen. Er hat die Intrigen gesehen, den Verrat, die Tränen im Verborgenen.
Die Theologie des „Sehens Gottes“ (El-Roi – der Gott, der mich sieht) ist ein gewaltiger Trost. Nichts in deinem Leben geschieht im toten Winkel Gottes. Wenn du ungerecht behandelt wirst, ist Gott der Zeuge. Und David fordert diesen Zeugen nun auf, als Richter aufzutreten. „Erwache!“ – Nicht weil Gott schläft, sondern weil es Zeit ist, dass Sein Schweigen bricht.
Gerechtigkeit nach Seiner Gerechtigkeit
David bittet nun um das Urteil:
„Schaffe mir Recht nach deiner Gerechtigkeit, HERR, mein Gott, damit sie sich nicht über mich freuen! Sie sollen nicht sagen in ihrem Herzen: Haha! Das ist unser Wunsch! Sie sollen nicht sagen: Wir haben ihn verschlungen! Es sollen beschämt und schamrot werden allzumal, die sich über mein Unglück freuen; es sollen mit Schande und Schmach sich kleiden, die sich gegen mich großmachen!“ (Psalm 35,24–26; EB)
Beachte die Formulierung: „nach deiner Gerechtigkeit“. Das ist der Schlüssel. David bittet nicht um eine Gerechtigkeit, die auf seinen eigenen Verdiensten basiert, sondern auf Gottes Charakter.
Gott kann es nicht zulassen, dass das Böse das letzte Wort hat, denn das würde Seinem eigenen Wesen widersprechen. Wenn Gott den Gerechten dauerhaft untergehen ließe, wäre Sein eigener Name in Gefahr. Deshalb darfst du mit einer heiligen Kühnheit beten: „HERR, tu es um Deines Namens willen! Zeige der Welt, dass Du der Gott bist, der zu Seinen Kindern steht.“
Teil 4: Der triumphale Abschluss – Die Freude der Gerechten (Verse 27–28)
Die Gemeinschaft der Freude
Der Psalm endet nicht mit der Vernichtung der Feinde, sondern mit der Freude derer, die Gott vertrauen:
„Jubeln und freuen sollen sich, die an meiner Gerechtigkeit Gefallen haben; und sie sollen stets sagen: Erhoben sei der HERR, der Wohlgefallen hat am Frieden seines Knechtes!“ (Psalm 35,27; EB)
Glaube ist niemals eine reine Privatangelegenheit. Wenn Gott dir hilft, wenn Er für dich streitet, dann ist das ein Zeugnis für alle anderen „Stillen im Lande“. Dein Sieg stärkt den Glauben deines Bruders und deiner Schwester.
Gott hat „Wohlgefallen am Frieden (Shalom) seines Knechtes“. Das ist eine wunderbare Zusage. Gott will nicht, dass du in ständigem innerem Krieg lebst. Er will deinen Shalom – deine Ganzheit, dein Heil, deinen Frieden. Er ist kein desinteressierter Beobachter, Er freut sich an deinem Wohlergehen.
Ein Leben als Lobpreis
Der letzte Vers des Psalms ist wie ein Schwur für die Zukunft:
„Und meine Zunge soll verkünden deine Gerechtigkeit, deinen Preis den ganzen Tag.“ (Psalm 35,28; EB)
Das Ende des Streits führt in den ewigen Lobpreis. Die Zunge, die vorher vielleicht vor Angst zitterte oder vor Schmerz klagte, wird nun zum Instrument Gottes. „Den ganzen Tag“ – das bedeutet Beständigkeit. Gottes Rettung ist nicht nur eine einmalige Episode, sie wird zur Grundlage deines neuen Lebensstils.
Theologische Vertiefung: Psalm 35 im Licht des Evangeliums
Um diesen Psalm wirklich zu verstehen, müssen wir ihn durch die Brille von Jesus Christus betrachten. Jesus selbst zitiert diesen Psalm in Johannes 15,25: „... damit das Wort erfüllt würde, das in ihrem Gesetz geschrieben steht: ‚Sie haben mich ohne Ursache gehasst.‘“
Jesus, der wahre David
Jesus ist der ultimative „Gerechte“, der ohne Grund gehasst wurde. Er ist derjenige, der Gutes mit Bösem vergolten bekam. In Ihm finden wir die vollkommene Erfüllung von Psalm 35. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied in der Ausführung des Gerichts:
Am Kreuz von Golgatha ließ Gott zu, dass Sein Sohn in die Grube fiel, die die Menschen gegraben hatten. Jesus wurde „verschlungen“, scheinbar. Die Feinde riefen „Haha!“ und „Wenn du Gottes Sohn bist, steig herab vom Kreuz“. Aber in diesem Moment des scheinbaren Sieges des Bösen vollzog Gott das größte Gericht der Weltgeschichte.
Die Umwandlung des Kampfes
Im Neuen Testament lehrt uns Jesus, unsere Feinde zu lieben und für die zu beten, die uns verfolgen (Matthäus 5,44). Widerspricht das Psalm 35? Nein. Psalm 35 liefert uns die emotionale und rechtliche Basis dafür. Wir können unsere Feinde deshalb lieben, weil wir wissen, dass Gott der Richter ist. Wir müssen uns nicht rächen, weil wir den Fall an den höchsten Gerichtshof abgegeben haben.
Wenn du Psalm 35 betest, tust du das im Wissen:
- Gott ist gerecht: Er wird jedes Unrecht sühnen.
- Gristus hat den Kampf gewonnen: Der ultimative „Streit“ gegen Sünde, Tod und Teufel ist am Kreuz entschieden.
- Die Rache gehört Gott: Du bist frei davon, Bitterkeit zu hegen, weil du weißt, dass Gott sich „aufmachen“ wird.
Praktische Anwendung: Wie du Psalm 35 heute leben kannst
Theologie ohne Praxis bleibt leer. Wie kannst du diesen tiefgreifenden Psalm in deinem Alltag anwenden, wenn du dich angegriffen oder ungerecht behandelt fühlst?
1. Gib das Schwert aus der Hand
Der erste Schritt ist der schwerste: Hör auf, zurückzuschlagen. Das bedeutet nicht, dass du alles mit dir machen lassen musst (David bittet ja um Schutz), aber es bedeutet, dass du aufhörst, mit denselben Waffen wie deine Widersacher zu kämpfen. Kämpfe nicht mit Klatsch gegen Klatsch. Kämpfe nicht mit Intrige gegen Intrige. Sag: „HERR, du bist mein Schild und meine Tartsche. Ich vertraue dir den Kampf an.“
2. Sei ehrlich in deiner Klage
Gott verträgt deine Ehrlichkeit. Wenn du dich fühlst, als würden Löwen dich umzingeln, dann sag es Ihm. Wenn du Gott fragen willst: „Wie lange noch?“, dann tu es. David zeigt uns, dass Spiritualität nicht bedeutet, Schmerz zu unterdrücken, sondern ihn vor den richtigen Adressaten zu bringen.
3. Erinnere dich an deine Gebets-Investitionen
Wenn Menschen, denen du geholfen hast, dich verraten, dann blicke auf Vers 13. Dein Gebet kehrt in deinen Busen zurück. Gott sieht deine Liebe, und Er wird dich dafür belohnen, auch wenn die Menschen es nicht tun. Deine Identität hängt nicht vom Dank der Menschen ab, sondern vom Wohlgefallen Gottes.
4. Erwarte das Eingreifen Gottes
Bete Vers 23: „Erwache und wache auf für mein Recht!“ Hab die Erwartung, dass Gott nicht schweigt. Er tut es vielleicht nicht in deinem Zeitplan, aber Er tut es in Seiner Vollkommenheit. Die Wahrheit wird ans Licht kommen. Die „Stillen im Lande“ werden am Ende jubeln.
5. Bereite deinen Lobpreis vor
Fange heute schon an, den Satz zu formulieren, den du sagen wirst, wenn der Kampf vorbei ist. „Ich will dich preisen in der großen Versammlung.“ Glaube ist Hoffnung, die sich bereits jetzt freut.
Ein Gebet nach Psalm 35
HERR, mein Gott, mein Herr! Du siehst mein Herz und du siehst meine Situation. Du kennst die Worte, die gegen mich gesprochen werden, und du kennst den Schmerz über den Verrat.
Ich bitte dich heute: Streite du mit denen, die mit mir streiten! Sei du mein Verteidiger. Ich gebe den Wunsch nach eigener Rache an deinem Kreuz ab. Ich lege mein Recht in deine gerechten Hände.
Umgib mich mit deinem Schild. Sei mein Schutz vor den Angriffen, die ich sehe, und denen, die im Verborgenen geplant werden. Wenn meine Seele sich verwaist fühlt, dann erinnere mich daran, dass du mein Vater bist, der mich niemals verlässt.
Ich danke dir, dass du ein Gott bist, der Wohlgefallen hat am Frieden deines Knechtes. Ich will nicht auf die Drohungen meiner Feinde schauen, sondern auf deine Rettung.
Ich bereite mein Herz darauf vor, dich zu loben. Auch wenn ich jetzt noch „hinke“, weiß ich, dass ich bald wieder tanzen werde vor Freude über deine Treue.
HERR, wer ist wie du? Du rettest den Elenden vor dem, der zu stark für ihn ist. Auf dich vertraue ich.
Amen.
Abschlussgedanke
Psalm 35 ist eine Einladung zur radikalen Entlastung. Du musst nicht der starke Held sein, der alles im Griff hat. Du darfst das „elende und arme“ Kind sein, das zu seinem starken Vater rennt.
Wenn die Welt laut wird, wenn die Widersacher sich sammeln, dann erinnere dich an das „Haha!“ der Feinde am Kreuz – und an das donnernde Schweigen Gottes am Ostermorgen, als Er Seinen Sohn aus der Grube des Todes heraufführte.
Derselbe Gott, der Jesus gerechtfertigt hat, wird auch dir Recht schaffen. Er ist dein Streiter. Er ist dein Retter. Er ist dein Friede.
Geh in diesem Vertrauen durch den heutigen Tag. Du bist nicht allein im Schützengraben. Der Herr der Heerscharen steht neben dir. Seine Gerechtigkeit ist dein Schutz, und Sein Lob wird am Ende den ganzen Tag erfüllen.
„Erhoben sei der HERR, der Wohlgefallen hat am Frieden seines Knechtes!“ (Psalm 35,27)
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