Glaubhaft lieben: Warum unser Miteinander oft scheitert und wie wir neu zu echter Gemeinschaft finden
Was zeichnet Christen aus, im Umgang mit der Liebe und dem Miteinander. Wo versagen wir und wie können wir es besser machen, für ein besseres Miteinander und gegenseitigem Verständnis.
Glaubhaft lieben: Warum unser Miteinander oft scheitert und wie wir neu zu echter Gemeinschaft finden
Das christliche Miteinander: Von der göttlichen Berufung zur gelebten Liebe
Einleitung: Die Sehnsucht nach echter Gemeinschaft
Herzlich willkommen zu dieser Betrachtung eines Themas, das das Herzstück unseres Glaubenslebens berührt. Schön, dass du dir die Zeit nimmst, tiefer in das einzutauchen, was uns als Christen im Kern ausmacht: unser Miteinander.
Hast du dich jemals gefragt, warum wir uns so sehr nach Gemeinschaft sehnen? Warum Einsamkeit eine der schmerzhaftesten Erfahrungen des Menschseins ist? Die Antwort finden wir nicht in der Psychologie, sondern in der Theologie. Du und ich, wir sind als Abbilder eines Gottes geschaffen, der in sich selbst Gemeinschaft ist – Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gemeinschaft ist kein optionales „Extra“ für besonders gesellige Christen. Sie ist unsere DNA.
Doch wir wissen alle: Die Realität in unseren Gemeinden, Kleingruppen und Familien sieht oft anders aus. Wo Liebe sein sollte, finden wir manchmal Gesetzlichkeit. Wo Verständnis herrschen sollte, finden wir Urteile. Wo Einheit sein sollte, erleben wir Spaltung.
In dieser Abhandlung wollen wir gemeinsam entdecken, was das biblische Fundament unseres Miteinanders ist, warum wir so oft scheitern und wie wir durch die Gnade Gottes zu einer Tiefe der Gemeinschaft finden können, die die Welt zum Staunen bringt.
Teil 1: Das Fundament – Die Liebe Gottes als Urquell
Bevor wir darüber sprechen, was wir tun sollen, müssen wir darüber sprechen, was Gott getan hat. Das christliche Miteinander beginnt nicht bei unserer Anstrengung, sondern bei Gottes Wesen.
1.1 Die Definition der Liebe (Agape)
Wenn wir im Neuen Testament über Liebe lesen, begegnet uns meist das griechische Wort Agape. Das ist keine Liebe, die auf Gefühlen basiert oder darauf, dass das Gegenüber besonders liebenswert ist. Es ist eine schenkende, opfernde Liebe.
Jesus sagt in Johannes 13,34-35 (Elberfelder):
„Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt; damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“
Beachte das Maß: „wie ich euch geliebt habe“. Das ist der Standard. Er hat uns geliebt, als wir noch Sünder waren, als wir seine Feinde waren. Dein Miteinander mit anderen Christen ist also keine Reaktion auf deren Verhalten, sondern eine Reaktion auf Jesu Handeln an dir.
1.2 Die theologische Dimension der Koinonia
Das Neue Testament verwendet das Wort Koinonia für Gemeinschaft. Es bedeutet Teilhabe, Gemeinschaft, enge Verbundenheit. Wenn du Christ wirst, wirst du nicht nur ein Individuum mit einem Ticket zum Himmel. Du wirst Teil eines Organismus.
In 1. Korinther 12,12 (Elberfelder) lesen wir:
„Denn wie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obwohl ihrer viele sind, ein Leib sind: so auch der Christus.“
Du bist mit deinen Geschwistern nicht nur befreundet – du bist mit ihnen „verleibt“. Wenn das dein Verständnis prägt, verändert sich alles. Du kannst deinen Arm nicht hassen, ohne dich selbst zu verletzen. Du kannst dein Gegenüber in der Gemeinde nicht ignorieren, ohne dass der ganze Leib leidet.
Teil 2: Das Hohelied der Liebe – Der Bauplan des Miteinanders
Wir müssen uns den wohl bekanntesten Text über die Liebe ansehen, um zu verstehen, wie das Miteinander praktisch aussieht. 1. Korinther 13 wird oft auf Hochzeiten gelesen, aber Paulus schrieb ihn an eine zerstrittene Gemeinde. Es ist ein Text über das Miteinander im Alltag.
Lass uns die Verse 4 bis 7 in der Elberfelder Übersetzung betrachten:
„Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig; sie neidet nicht; die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf; sie handelt nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu; sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“
Tiefere theologische Erkenntnis:
- Langmütig: Das griechische Wort bedeutet wörtlich „einen langen Atem haben“. Hast du einen langen Atem mit den Fehlern deiner Geschwister?
- Sucht nicht das Ihre: Hier liegt das Geheimnis. Wahre christliche Gemeinschaft entsteht dort, wo Menschen aufhören, nach ihren Rechten zu fragen, und anfangen, nach ihren Pflichten der Liebe gegenüber dem anderen zu suchen.
- Rechnet Böses nicht zu: Im Griechischen ist das ein Begriff aus der Buchhaltung. Die Liebe führt kein Buch über die Fehler des anderen. Wie oft hast du in deinem Kopf eine Liste der Verfehlungen deines Bruders angelegt? Die einzige Möglichkeit, dieses Buch zu schließen, ist, es gedanklich ans Kreuz zu bringen und laut auszusprechen: 'Ich vergebe dir, weil mir vergeben wurde.'
Teil 3: Wo wir versagen – Die Schattenseiten unseres Miteinanders
Wir müssen ehrlich sein: Das Miteinander unter Christen ist oft anstrengend. Warum ist das so? Warum versagen wir so oft in dem, was eigentlich unser Kennzeichen sein sollte?
3.1 Das Problem des „Fleisches“ und des Stolzes
Obwohl wir neue Kreaturen in Christus sind, lebt das „Fleisch“ – unsere alte, egozentrische Natur – noch in uns. Stolz ist der größte Feind der Gemeinschaft. Stolz sagt: „Ich habe recht, du hast unrecht.“ Stolz sagt: „Ich bin geistlicher als du.“
Paulus warnt in Galater 5,15 (Elberfelder):
„Wenn ihr aber einander beißt und fresset, so seht zu, dass ihr nicht voneinander verzehrt werdet!“
Das ist eine drastische Sprache. Christen können sich gegenseitig geistlich „auffressen“, wenn Gesetzlichkeit und Kritiksucht überhandnehmen.
3.2 Die Falle der Erwartungen
Oft scheitert unser Miteinander nicht an mangelndem gutem Willen, sondern an falschen Erwartungen. Wir erwarten von der Gemeinde oder dem Mitbruder, dass er unsere tiefsten Bedürfnisse stillt. Aber das kann nur Gott. Wenn wir Menschen zu unseren Götzen machen, werden sie uns zwangsläufig enttäuschen. Wahres Miteinander beginnt dort, wo ich den anderen als einen fehlerhaften Menschen annehme, der genauso auf Gnade angewiesen ist wie ich.
3.3 Die Unfähigkeit zur Vergebung
Ein Miteinander ohne Vergebung ist unmöglich. Wenn wir Bitterkeit kultivieren, bauen wir Mauern auf. Doch die Bibel ist klar:
„Seid aber zueinander gütig, mitleidig, und vergebt einander, so wie auch Gott in Christus euch vergeben hat.“ (Epheser 4,32, Elberfelder)
Das Versagen im Miteinander ist oft ein Versagen im Verständnis der eigenen Vergebung. Wer weiß, wie viel ihm vergeben wurde, kann nicht anders, als auch zu vergeben.
Teil 4: Der Weg zur Besserung – Praktische Schritte für ein neues Miteinander
Wie machen wir es besser? Wie kommen wir von einer theoretischen Liebe zu einer praktischen Gemeinschaft?
4.1 Die Kunst des gegenseitigen Verständnisses
Wir müssen lernen, einander wirklich zuzuhören. Verständnis bedeutet nicht immer Einverständnis, aber es bedeutet Wertschätzung.
In Philipper 2,3-4 (Elberfelder) finden wir den Schlüssel:
„Tut nichts aus Eigennutz oder eitler Ruhmsucht, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst; jeder sehe nicht auf das Seine, sondern ein jeder auch auf das der anderen.“
Stell dir vor, wie deine Gemeinde oder dein Hauskreis aussähe, wenn jeder den anderen wirklich für „höher“ achten würde. Wenn du davon ausgehen würdest, dass dein Bruder einen guten Grund für seine Ansicht hat, auch wenn du sie nicht teilst.
Praktischer Tipp: Frage öfter: „Kannst du mir helfen zu verstehen, wie du zu dieser Ansicht kommst?“ statt sofort zu korrigieren.
4.2 Die „Einander“-Stellen praktizieren
Das Neue Testament ist voll von Anweisungen, was wir „einander“ tun sollen. Diese „Einander“-Stellen sind das Trainingsprogramm für unser Miteinander:
- Einander die Lasten tragen: „Einer trage des anderen Lasten, und so werdet ihr das Gesetz des Christus erfüllen.“ (Galater 6,2, Elberfelder)
- Einander annehmen: „Deshalb nehmt einander an, wie auch der Christus uns angenommen hat, zur Herrlichkeit Gottes.“ (Römer 15,7, Elberfelder)
- Einander unterordnen: „...indem ihr euch einander unterordnet in der Furcht Christi.“ (Epheser 5,21, Elberfelder)
4.3 Die Kultur der Verletzlichkeit
Echtes Miteinander braucht Maskenlosigkeit. Wir verstecken uns oft hinter einer religiösen Fassade. Aber Gemeinschaft entsteht im Licht.
„Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander...“ (1. Johannes 1,7, Elberfelder)
Trau dich, schwach zu sein. Trau dich, um Gebet zu bitten. Trau dich, zuzugeben, dass du gerade kämpfst. In der Schwachheit wird Gottes Kraft im Miteinander sichtbar.
Teil 5: Theologische Vertiefung – Das Miteinander als Zeugnis
Warum ist das alles so wichtig? Es geht um mehr als nur darum, dass wir uns „nett“ fühlen. Unser Miteinander hat eine missionarische Dimension.
In der heutigen Welt, die von Polarisierung, Hass und Einsamkeit geprägt ist, sollte die christliche Gemeinschaft ein „Kontrastmodell“ sein. Wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher politischer Meinungen einander in Christus lieben, dann ist das ein Wunder, das nach einer Erklärung verlangt.
Theologisch gesprochen ist die Gemeinde die „Prolepse“ des Reiches Gottes – ein Vorgeschmack auf die Ewigkeit. In der Ewigkeit wird es keine Trennung mehr geben. Wenn wir hier auf Erden das Miteinander üben, üben wir für den Himmel.
Teil 6: Reflexionsfragen für dich persönlich
Um dieses Skript nicht nur zu lesen, sondern wirken zu lassen, lade ich dich ein, über folgende Fragen nachzudenken:
- Wer ist die Person in deinem christlichen Umfeld, die dir am schwersten fällt zu lieben? Bringe diese Person heute vor Gott und bitte ihn, dir sein Herz für sie zu zeigen.
- In welchen Bereichen suchst du „das Deine“ statt das Wohl des anderen? Wo geht es dir mehr um deine Meinung oder deinen Komfort als um die Einheit?
- Wann hast du das letzte Mal jemanden wirklich um Vergebung gebeten? Nicht mit einem „Es tut mir leid, wenn du dich angegriffen gefühlt hast“, sondern mit einem aufrichtigen „Ich habe falsch gehandelt, bitte vergib mir“.
- Welche Maske trägst du in deiner Gemeinschaft? Was würde passieren, wenn du ein Stück deiner Not teilen würdest?
Teil 7: Praktische Anwendungen für die kommende Woche
Glaube ohne Werke ist tot. Hier sind drei Herausforderungen für dein Miteinander in den nächsten sieben Tagen:
- Aktiv zuhören: Nimm dir vor, in einem Gespräch mit einem Geschwister mindestens 10 Minuten lang nur zuzuhören und Verständnisfragen zu stellen, ohne deine eigene Meinung einzubringen.
- Lasten tragen: Überlege dir eine praktische Sache, wie du einem Mitgeschwister eine Last abnehmen kannst (Einkaufen, Kinderbetreuung, eine ermutigende Nachricht schreiben).
- Segnen statt richten: Jedes Mal, wenn ein kritischer Gedanke über jemanden in deiner Gemeinde aufkommt, verwandle diesen Gedanken sofort in ein kurzes Segensgebet für diese Person.
Schluss: Die Hoffnung des Miteinanders
Mein lieber Bruder, meine liebe Schwester, christliches Miteinander ist kein Ziel, das wir aus eigener Kraft erreichen. Es ist ein Geschenk, das wir empfangen, und eine Berufung, in der wir wachsen.
Es wird Reibung geben. Es wird Enttäuschungen geben. Aber genau dort, in der Reibung, schleift Gott unsere Charakterzüge, bis wir Jesus ähnlicher werden. Gemeinschaft ist das Laboratorium der Heiligung.
Lass uns nicht müde werden, einander zu lieben. Lass uns die Welt damit überraschen, dass wir einander vergeben, einander tragen und einander wertschätzen – nicht weil wir so toll sind, sondern weil Er uns zuerst geliebt hat.
Schließen wir mit einem kraftvollen Wort aus dem Kolosserbrief, das alles zusammenfasst:
„Zieht nun an, als Auserwählte Gottes, Heilige und Geliebte: herzliches Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Langmut! Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Herr euch vergeben hat, so auch ihr! Zu diesem allen aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist!“ (Kolosser 3,12-14, Elberfelder)
Gehe hin in dieser Liebe. Sei ein Brückenbauer. Sei ein Tröster. Sei ein Zeuge für die einende Kraft Jesu Christi.
Amen.
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